Vorgestern rief mich der Hermann aus heiterem Himmel an, um mir die traurige Mitteilung zu machen, der Friedrich wäre vor einer Woche nach langer Krankheit verstorben. Wir plauderten dann noch ein Weilchen über die schöne Zeit, da ich, der Rudi, der Hermann selbst, der Schorsch, der Friedrich, der Detlev und noch ein, zwei andere miteinander in der WG wohnten. Erinnerungen kamen hoch, und am Ende des kurzen Telefonats versprach er, sich bei mir zu melden, damit wir bei einem Bier (höchstens bei zweien, wir sind ja nicht mehr so robust wie damals) noch einmal etwas ausführlicher nostalgieren können. Mal sehen.
Eine der Erinnerungen, die bei dem kurzen Gespräch wieder hoch kamen, war die an Heinrich von Kleists "Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege". Mit dieser hatte es nun eine ganz besondere Bewandtnis.
Mein Vater, praktischer Arzt in einer kleinen Stadt im Allgäu, bekam ab und an Besuch von Pharmavertretern, die ihm als Kompensation für die beim "Beratungsgespräch" verschwendete Zeit meistens irgendwelche Werbegaben da ließen. Nichts Teures, mal ein Kugelschreiber, oder ein Kalender, manchmal aber auch 45er Schallplatten mit akustischen Darbietungen, die im weitesten Sinne mit dem angebotenen Pharma-Erzeugnis in Zusammenhang gebracht werden konnten. Eine Schlankheitspille wurde z.B. durch ein von Eva Maria Meineke gesungenes Chanson über das Golfspielen mnemotechnisch eingeprägt, und ein Beruhigungsmittel wiederum verankerte der Hersteller im medikustischen Bewußtsein vermittels der "Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege", vorgetragen von Heinrich George.
Dieses sprechkünstlerische Husarenstückchen, für dessen zustande kommen sich zwei durch mehr als ein Jahrhundert getrennte Heinriche zusammentaten, hatte - und hat bis heute - es mir angetan, und als ich im 68er Jahr das Elternhaus verließ, um in München zu studieren, durfte ich diese Scheibe mitnehmen, um mich daran immer wieder spirituell erbauen zu können.
Der Hermann und der Schorsch bekamen sie natürlich auch zu hören, und beide teilten meine Begeisterung für dieses Juwel deutscher Sprach- und Sprechkunst. Beide hatten es in gedruckter Form schon vorher gekannt, aber Heinrich Georges Interpretation setzte das Zitronencreme-Bällchen auf den ohnehin schon köstlichen Mokka-Trüffel-Parfait der Anekdote. Was Wunder, daß sie sie bald selbst auswendig vortragen konnten.
Doch die Zeit, sie läuft im Sauseschritt, und einer nach dem anderen verließ die Wohngemeinschaft. Als es an mich kam, mein Ränzel zu schnüren, stapelte ich meine (damals noch) wenigen Habseligkeiten in ein Kellerregal vom Eisenwarenhändler Suckfüll in der Amalienstraße, und unter Mithilfe dreier Kommilitonen verbrachte ich meinen kleinen Hausstand per U-Bahn in meine neue Wohnung.
Daß beim Auspacken die kleine Schallplatte mit der Anekdote fehlte, merkte ich erst Monate später, und da war es für Nachforschungen zu spät. Ich hatte zwar einen Verdacht, nämlich meinen letzten Zimmerkumpel Christian, aber der - so vermutete ich - hätte diesen schlicht abgestritten, also blieb es beim Verdacht (und stillem Groll).
Überschlagsmäßig dreizehntausend Tage später fiel mir anläßlich einer Begebenheit, bei der es ebenfalls um verschollen geglaubte Tondokumente ging, die verlorene schwarze Vinylscheibe wieder ein, und ich hatte eine Idee. Heinrich George hatte doch mindestens einen Sohn, den Götz, und der könnte doch vielleicht wissen, wie ich an irgendeinen Tonträger mit seines Vaters Stimme kommen könnte. Wie erreicht man einen prominenten Schauspieler? über seine Künstleragentur. Also schrieb ich denen einen Brief, der mein Anliegen enthielt, zusammen mit meinen Kontaktdaten, und hatte ihn bald vergessen, denn große Hoffnungen setzte ich nicht hinein.
Ein paar Wochen später klingelte abends das Telefon, und es meldete sich ein Herr Jan George, und ob ich derjenige wäre, der an Tonaufnahmen von Heinrich George interessiert wäre. Ja nee, das bin ich, und wie denn wo denn was denn?
Der Herr Jan George erläuterte mir, daß er des Götz' Bruder wäre, und sich ein bißchen um dessen Korrespondenz kümmerte, und er äußerte sein Befremden, daß damals eine Pharmafirma ohne das Einverständnis der Söhne die fragliche Tonaufnahme zu Werbezwecken benutzt hätte. Aber wenn ich sie nur für private Zwecke haben wollte, könnte er mir eine Kopie auf einer Musik-Kassette schicken.
Was er auch tat, und eine Bezahlung dafür lehnte er ab. Leider hatte er die Kopie hergestellt, indem er das Tonband über den Lautsprecher abspielte, und das Mikrophon des Kassettenrekorders zum Lautsprecher stellte, was eine viel zu leise und von Hintergrundgeräuschen gestörte Aufnahme ergeben hatte - shit happens, es war jedenfalls ganz reizend von ihm gewesen, und ich bedankte mich mit einem kurzen Brief bei ihm. Grummel, mummel.
Doch wenn Du meinst, das wird nix mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Denn etwa ein Jahr später fand ich auf Amazon eine CD "Heinrich George, Porträt eines Schauspielers"1, auf der sich unter anderen Szenen auch die heiß geliebte Anekdote fand.
Da hatten die Brüder George anscheinend durch mein gezeigtes Interesse erkannt, daß man mit ihres Vaters Stimme ein paar Euros verdienen könnte, und die in ihrem Besitz befindlichen Tonbänder einem Verlag übergeben, auf daß er diese vermarkte. Was ihr gutes Recht ist, und was ich sehr begrüßte, und alsbald durch eine Bestellung der CD honorierte. Wie schön war es, die verloren geglaubten Worte wieder zu hören!
Aber das Beste kommt noch. Ein wenig später traf ich auf einer Vortragsveranstaltung zufällig den Schorsch wieder. Nach dem Vortrag setzten wir uns noch zu einem Bier und einer Nostalgiesitzung zusammen, und es kam auch die besagte Anekdote zur Sprache. Da erzählte er mir ganz stolz, er hätte die Aufnahme schon mehrmals benutzt, um bei einem berufsbedingten Umzug einen Antrittsvortrag im jeweiligen örtlichen Rotary-Club am neuen Dienstort zu halten. Leider sei ihm allerdings beim letzten Umzug die Platte abhanden gekommen.
Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Der Schorsch! Er war es gewesen, der mir damals die Platte stibitzt hatte, und ich hatte all die Jahre den Falschen verdächtigt. Na warte, das soll nicht ungerochen bleiben. Und so sagte ich: "So, so. Verloren hast Du sie also, MEINE Platte. Und ich hab den Christian in Verdacht gehabt. Zur Strafe sag ich Dir nicht, wie und wo ich nach vielen Jahren eine CD mit dieser Aufnahme gefunden habe. Das darfst Du schon selber googeln."
Die Strafe mußte er schon hinnehmen. Er grinste ein bißchen schuldbewußt, und murmelte etwas wie "Ich hab gedacht, Du brauchst sie nicht mehr...". Aber wir wußten beide, wer hier das Arschloch war.
1 Die CD gibt es noch bei Amazon zu kaufen - mit "Heinrich George, Porträt eines Schauspielers" findet man sie.